"Herz statt Schmerz" - Kreuz & Quer vom 03.02.2019, Römer 12,9-16

Liebe Gemeinde!

Tja, es dauert schon, bis das Programm "Liebe" in unserem Leben installiert ist. Da braucht man erst die richtige Partition, eben nicht "Kopf" sondern "Herz". Und dann muss noch alles mögliche aus unserem Herzen raus, wie alte Verletzungen, Groll, Bitterkeit, Geiz, aber auch unsere Götzen wie Menschen, Geld, Anerkennung. Stattdessen brauche ich Vergebung, Wertschätzung, Güte aus einem ganz bestimmten Ordner, Der heißt "Gott". Liebe ist "Freeware". Sie kostet kein Geld. Du könntest sie auch gar nicht bezahlen. So wertvoll ist sie. Du bekommst soviel von ihr, wie du brauchst. Sie reicht auch für die aus, mit denen du zu tun hast. Auch sie sollen etwas von ihr haben. Das "Programm Liebe" ist zum Weitergeben da. Wie das geschieht, davon spricht Paulus im Römerbrief, Kapitel 12 Vers 9 bis 16.

9 Eure Liebe soll aufrichtig sein. Und wie ihr das Böse hassen müsst, sollt ihr das Gute lieben.
10 Seid in herzlicher Liebe miteinander verbunden, gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen.
11 Bewältigt eure Aufgaben mit Fleiß und werdet nicht nachlässig. Lasst euch ganz von Gottes Geist durchdringen und dient Gott, dem Herrn.
12 Seid fröhlich in der Hoffnung darauf, dass Gott seine Zusagen erfüllt. Bleibt standhaft, wenn ihr verfolgt werdet. Und lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen.
13 Helft anderen Christen, die in Not geraten sind, und seid gastfreundlich!
14 Bittet Gott um seinen Segen für alle, die euch verfolgen, ja, segnet sie, anstatt sie zu verfluchen.
15 Freut euch mit den Fröhlichen! Weint aber auch mit den Trauernden!
16 Seid einmütig untereinander! Strebt nicht hoch hinaus und seid euch auch für geringe Aufgaben nicht zu schade2. Hütet euch davor, auf andere herabzusehen. (Hoffnung für alle)

Es klingt nicht sonderlich aufregend, was Paulus hier schreibt, eher ermüdend. Wir haben eine Mahnung nach der anderen gehört, insgesamt 21 an der Zahl. "Ist das nicht ein bisschen viel, lieber Paulus?" könnte man sagen. Wer merkt sich das denn alles? Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner von euch, ich eingeschlossen, diese 21 Mahnungen wiedergeben könnte. Aber auch wenn wir jetzt bei diesem Predigttext aufmerksam zugehört und vielleicht auch diesen Worten zugestimmt haben: Entscheidend ist etwas anderes. Entscheidend ist nicht das Hören sondern das Tun. Und ich denke, da hapert es oft. Wir haben oft viel gehört, da schließe ich mich selbst mit ein, aber nicht oder zu wenig danach gehandelt.
Der dänische Theologe Kierkegaard verglich die Christen einmal mit Gänsen, die auf einem Hof leben. An jedem siebten Tag wird eine große Parade veranstaltet. Dabei steht der beredsamste Gänserich auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Dabei erzählt er Beispiele aus der Geschichte der Vorfahren. Immer wieder aber wird auf die herrlichen Zeiten verwiesen, in denen die Ahnherren sogar zu fliegen wagten und dabei ganze Erdteile überquert haben sollen. Der Redner lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Dabei sind die Gänse tief beeindruckt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und drücken die Flügel fest an den Körper. Auf dem Weg nach Hause loben sie dann noch lange die gute Predigt und den beredsamen Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nämlich nicht - sie fliegen nicht, sie machen nicht einmal den Versuch.
Gott hat uns allen gewissermaßen Flügel gegeben. Wir können uns damit aus unserem alten Leben emporheben und ein neues Leben führen, so wie Gott es gefällt. Die Flügel sind die Vergebung, die Freiheit von der Sünde, die ganze Liebe Gottes, die er uns durch Jesus gezeigt hat. Davon hat Paulus im Römerbrief 11 Kapitel lang gesprochen. Im Mittelpunkt dieses Briefes steht Jesus, nur er allein. Wir sind verlorene Menschen, reif für die Hölle, ja, aber durch den Glauben an Jesus sind wir Kandidaten für den Himmel. Wir sind Sünder, auch nur in der Lage fortwährend Böses zu tun, ja, aber durch die Verbindung mit Jesus sind wir in der Lage, Gutes zu tun.
Das Wichtigste am Christsein ist nicht die Forderung: Du musst dies tun und jenes lassen. Das Wichtigste ist die Beziehung zu Jesus Christus. In dieser Beziehung ist Christus der Hauptakteur. Er bringt mit, was er erwartet. Er wird nicht nur Forderungen erheben sondern sie auch umsetzen.
Um auf das Gleichnis von Kierkegaard zurückzukommen: Wir können fliegen. Wir müssen nur die Flügel, die Jesus uns geschenkt hat, gebrauchen. Ohne Bild gesprochen: Für uns steht die volle Liebe Gottes bereit. Wir brauchen sie nur anzunehmen. Mehr verlangt Gott nicht von uns. Das aber sollen und dürfen wir tun. Sonst bleibt das neue Leben, das Christus für uns erworben hat, ungelebt.
Das wichtigste Stichwort für dieses neue Leben heißt Liebe. In1. Korinther 13 beschreibt Paulus diese Liebe. Sie ist geduldig und freundlich, kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand.
Paulus spricht dort nicht von einer menschlichen Liebe sondern von der Jesusliebe. Wenn du Jesus in dein Leben aufgenommen hast, dann hast du auch diese Jesusliebe. Das ist das Wichtigste im Leben eines Christen. Ohne Jesus und seine Liebe taugt dein Christsein nichts.
Es hat einmal jemand so ausgedrückt: "Glaube ohne Liebe macht fanatisch. Wahrheit ohne Liebe macht unnahbar. Gerechtigkeit ohne Liebe macht rechthaberisch. Ehre ohne Liebe macht hochmütig. Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch. Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Wissen ohne Liebe macht überheblich. Reichtum ohne Liebe macht geizig. Dienst ohne Liebe macht hartherzig. Nachfolge ohne Liebe macht selbstsicher."
Nur die Jesusliebe macht dich als Christen echt und lebendig. Sie steht dir zur Verfügung. Bitte um sie, bitte vor allen Dingen um die Vergebung deiner Sünden, immer wieder neu und danke dafür, dass er dich unbeirrbar lieb hat.
Wenn wir diese Liebe Jesu erfahren haben, dann will sie nicht nur bei uns bleiben, sondern sie will auch weitergegeben werden. Sie will in uns Gestalt annehmen und sich ganz praktisch in unserem Leben auswirken.
Paulus schreibt einmal an anderer Stelle: "Alle Dinge lasst in der Liebe geschehen." (1. Korinther 16,14) Wir hören zu diesem Bibelvers ein Lied.

2. Teil

Ein Beispiel gefällig? "Hütet euch davor, auf andere herabzusehen.", schreibt hier Paulus. So ein Verhalten hat auch mit Liebe zu tun. Denn wer einen anderen liebt, verachtet ihn nicht, auch wenn er bestimmte Dinge besser kann als der andere. Wir haben hier in unserer Kirche sicher sehr viele kluge Leute. Das meine ich nicht ironisch sondern ernst. Aber es ist kein Zeichen von Liebe, wenn wir einen anderen spüren lassen, dass er in unseren Augen nicht so klug ist wie wir. Vielmehr können wir jene Schulklasse zum Vorbild nehmen, von der ich erzählen möchte:
Diese bekommt eines Tages eine neue Lehrerin. Im Rechenunterricht geht es zur Sache. Die Lehrerin schreibt zehn schwierige Aufgaben an die Tafel und holt zehn Kinder nach vorn. Jedes der Kinder soll eine Aufgabe lösen. Wer zuerst fertig ist, soll sich umdrehen, um zu zeigen, wer die oder der Beste ist. Die Kinder rechnen ihre Aufgaben aus. Aber keines dreht sich um. Sie warten, bis auch das letzte Kind seine Aufgabe gelöst hat, und drehen sich alle zusammen um. Die Lehrerin wird ärgerlich. „Ich habe doch gesagt, wer fertig ist, soll sich umdrehen. Versteht ihr das nicht?“
Aber die Kinder erklären ihrer Lehrerin, das wäre doch nicht richtig, wenn eines sich hervortun und die anderen beschämt sein würden.
„Wie sollen wir es denn dann machen?“ fragt die Lehrerin. Die Kinder antworten: „Wer gut und schnell rechnen kann, dreht sich nicht um, sondern hilft den anderen, bis alle fertig sind. Und dann drehen wir uns um!“
Eigentlich eine fast unglaubwürdig wirkende Geschichte. Selbstverständlich war das nicht, wie die Schüler sich verhalten haben. Denn der Erste, Beste, Schnellste sein zu wollen, steckt doch zu sehr im Menschen drin. Und jeder geschickte Pädagoge nutzt auch immer wieder dieses Wettbewerbsstreben, um Kinder zu Leistungen anzuspornen.
Leistung ist ja gut. Wir sollten sie nicht verteufeln. Aber die Kehrseite des Leistungsstrebens ist in unserer Gesellschaft ebenso deutlich: Raffen, Gieren, dem anderen nichts gönnen, sich selbst der Nächste sein, dem anderen Steine in den Weg legen, Intrigen, Verleumdungen. Unter Christen sollte und kann es doch anders zugehen.
Ein anderes Beispiel: "Seid gastfreundlich!", schreibt hier Paulus. Anscheinend reisten die Christen zur Zeit Jesu gerne, um sich gegenseitig zu besuchen. Hotelunterkünfte wie heute gab es damals noch nicht. So waren reisende Christen auf die Gastfreundschaft von Mitchristen angewiesen. Paulus lag daran, dass die Gastfreundschaft gerne angeboten wurde. So ein Verhalten fördert die Gemeinschaft.
Wie kann Gastfreundschaft im Jahr 2019 aussehen? Ganz einfach: Es ist ja schön, wenn viele Menschen gemeinsam den Gottesdienst besuchen. Aber es ist auch wichtig, vielleicht sogar genauso wichtig, wenn man sich gegenseitig einlädt, wie zum Beispiel zum Kaffeetrinken, zum Spazierengehen, zum gemeinsamen Sport, zur Brotzeit, zum Essengehen, zu einem Ausflug. Das fördert die Gemeinschaft. Dann lerne ich andere kennen, bekomme neue Freunde. Ich kann mich über das austauschen, was ich heute gehört habe oder auch einmal zusammen Glaubenslieder singen. Nur dann, wenn ich den anderen kenne, kann ich auch den nächsten Ratschlag des Paulus beherzigen: "Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden." Denn wie kann ich mich mit dem anderen mitfreuen, wenn ich nicht weiß, was ihn glücklich macht? Und wie kann ich Mitgefühl mit einem haben, wenn ich nicht weiß, was ihn traurig stimmt?
Zum Thema "Gastfreundschaft" möchte ich noch etwas Anderes sagen: Wie gastfreundlich sind wir denen gegenüber, die neu in unserem Gottesdienst oder in einer unserer Gemeindegruppen sind? Bemerken wir sie überhaupt? Sind sie uns willkommen? Oder sind sie eher ein Störfaktor?
Ich habe einmal in einer Predigt folgende Geschichte entdeckt: Ein Mann in den USA wollte die Qualität von Gemeinden herausfinden. Er besuchte an 18 aufeinanderfolgenden Sonntagen 18 verschiedene Gottesdienste. Er bereitete sich nicht besonders vor. Sondern ging einfach anständig angezogen in die Kirche, war dort also ein Fremder, bzw. ein Erstbesucher. Für das, wie die Gemeinde auf ihn reagierte, vergab er Punkte, und zwar nach folgendem System:
10 Punkte für das Lächeln, mit dem ihm ein anderer Gottesdienstbesucher begegnete. 20 Punkte für eine persönliche Begrüßung durch den, der neben ihm saß. 50 wenn sich ein anderer Besucher mit Namen vorstellte. 100 für eine Einladung auf eine Tasse Kaffee. 200 für eine Einladung, doch mal wieder in den Gottesdienst zu kommen. 300 für ein Bekanntmachen mit einem weiteren Gottesdienstbesucher.
Das Ergebnis des selbsternannten Gemeindeprüfers fiel erschütternd aus. 11 der 18 Gemeinden schafften keine 100 Punkte. Fünf Gemeinden gelang es nicht einmal, die 20-Punkte-Marke zu überschreiten.
Ich weiß nicht, wie viele Punkte unsere Gemeinde bekommen hätte. Auf jeden Fall ist ein freundliches Verhalten einem neuen Gottesdienstbesucher gegenüber auch ein Zeichen der Liebe Jesu.
Einen wichtigen Ratschlag finden wir zu Beginn unseres Predigtabschnittes: Eure Liebe soll aufrichtig sein. Heuchelt sie nicht vor. Tut nicht so, als ob ihr freundlich und liebevoll seid, und seid es eigentlich gar nicht. Mit so einem Verhalten würden wir uns permanent überfordern. Licht kann nicht vorgetäuscht werden.
Aber Licht kann angezündet werden. Auch Liebe kann angezündet werden: durch den Geist Gottes. "Lasst euch ganz und gar vom Heiligen Geist durchdringen" übersetzt die "Hoffnung für alle". "Seid brennend im Geist" heißt es in der Lutherbibel. Man kann auch übersetzen: Seid kochend im Geist! Wir kennen ja den Ausdruck: "Es kocht etwas in mir." Meist gebrauchen wir ihn im negativen Sinne. Wenn Wut oder Zorn in uns aufsteigen, dann kochen wir. Dann können wir sehr hitzig und leidenschaftlich werden, aggressiv und unangenehm.
Aber Paulus gibt den Ratschlag: Lasst euch vielmehr von dem guten Geist Gottes bestimmen. Seid eifrig, das zu tun, was Gott von euch haben will. Nur, wie geht das, sich vom Geist Gottes bestimmen zu lassen?
Wie bringe ich einen Topf Wasser zum kochen? Antwort: Indem ich ihn auf die angeschaltete Herdplatte stelle. Dann wird früher oder später das Wasser kochen.
Paulus nennt hier gleich drei solcher heißen Herdplatten, die unser Glaubensleben und unsere Liebe wieder zum "Kochen" bringen können.
"Seid fröhlich in Hoffnung" ist die erste. Gemeint ist die Hoffnung, dass Jesus ganz gewiss in meinem Leben immer wieder eingreift. Er hat alle Macht im Himmel und auf der Erde. Er ist immer bei denen, die ihr Leben Jesus anvertraut haben. Auch wenn du dich niedergeschlagen fühlst, auch, wenn du wieder versagt hast, auch wenn du keinen Funken von Liebe in deinem Herzen entdeckst. Jesus schenkt dir das, was für ein Leben als Christ brauchst. Du brauchst nur das an andere weitergeben, was er dir vorher gegeben hat. Das glaube und freue dich jetzt schon darauf, dass er ganz gewiss dein Leben prägt und verändert.
Die zweite "Herdplatte" heißt in der Übersetzung martin Luthers: "Seid geduldig in Trübsal!" Jeder Christ erlebt schwere Zeiten. Dann neigen wir dazu, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Das heißt, es liegt die Versuchung nahe, zu jammern, zu grübeln, sich zu intensiv mit seinem Schicksal zu beschäftigen. Und die Liebe verschwindet, wird wieder kalt. Weil wir denken: Jetzt liebt mich Jesus nicht mehr. Aber das ist nicht wahr. Erinnere dich doch daran, wie oft er schon geholfen hat. Vergiss nicht, was er dir schon Gutes getan hat. Vergiss nicht, dass er doch nie aufhört dich zu lieben. Und was du momentan an Schwerem durchmachst, ist keine Bestrafung. Es ist eher ein Mittel, dass du lernst, Jesus noch intensiver zu verrauen. Lass dich nicht von ihm nicht abbringen. Bleibe bei ihm. Vertraue ihm, ohne damit aufzuhören. Das heißt Geduld.
Und höre auch nicht auf mit deinem Gebet. "Und lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen." ist die dritte Herdplatte. Lass das Gespräch mit Jesus nicht abbrechen. Verbinde dich immer wieder im Gebet mit ihm. Hör auch nicht auf, ihn um die wohl größte Gabe zu bitten: um seine Liebe. Er schenkt sie dir. Darauf darfst du dich verlassen. Bitte um die Erfahrung seiner Liebe, intensiv.
Lasst euch nicht vom Beten abhalten, auch wenn ihr meint, Gott erhöre eure Gebete nicht und sie würden nur bis zur Zimmerdecke dringen. Setzt euch mit ihm in Verbindung, auch wenn ihr meint, keine Lust zu haben, auch wenn ihr denkt, dafür keine Zeit zu haben, gerade dann. Macht aus eurem Herzen keine Mördergrube sondern sagt Gott alles, was euch bewegt.
Lasst auch nicht nach im Danken. Erinnert euch immer wieder daran, was er euch Gutes getan hat. Lebt nicht einfach gedankenlos dahin sondern gebt eurem Schöpfer immer wieder darin die Ehre, dass ihr dafür dankt, was ihr von ihm bekommen habt. Dann werdet ihr euch wundern, wie Gott euer Leben prägt und verändert.

Amen

© 2019 Dieter Opitz