"Bus(s)haltestelle" - Kreuz & Quer vom 22.11.2017, Matthäus 4,17

Wir hören ein Wort aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 4 Vers 17: Jesus Christus spricht: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen."
Und ich möchte vorlesen, was Martin Luther zu diesen Worten Jesu in der 1. seiner 95 Thesen gesagt hat: "Unser Herr und Meister Jesus Christus hat mit seinem Wort "tut Buße" gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen nichts als Buße sein solle."

Wir haben ja alle in diesem Jahr von den 95 Thesen gehört. Klar warum. Vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther diese Thesen und schlug sie an die Schlosskirche von Wittenberg. Man kann sagen: Am 31. Oktober 1517 begann die Reformation.
Damals schlugen diese Thesen wie eine Bombe ein. Sie veränderten das kirchliche Leben Deutschlands, Europas, ja der ganzen Welt. Auch das soziale und politische Leben veränderte sich. Nun leben wir ein halbes Jahrtausend später. Und wir müssen uns fragen: Was geht denn unsere Zeit dieses Ereignis vom 31. Oktober 1517 noch an und vor allen Dingen: Was geht es uns persönlich noch an?
Es sind in diesem Jahr verschiedene Versuche gemacht worden, neue 95 Thesen zu verfassen. Die Evangelische Jugend in Bayern hat dies zum Beispiel getan. Im Sommer sind sie veröffentlicht worden. Ich habe sie gelesen. Sie beschäftigen sich mit Themen wie "Frieden", "Gerechtigkeit", "Bewahrung der Schöpfung" oder "Toleranz". Da sind sicher wichtige Thesen dabei. Aber geben sie das wieder, was Luther wollte? Ich habe kaum etwas gefunden. Im Internet läuft oder lief eine Aktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auch da konnte jeder eine These formulieren, und zwar zu der Frage: "Wie willst du deine Welt verändern?" Die 95 besten, beziehungsweise interessantesten Thesen sollen prämiert werden.
Ich fragte mich: Was soll denn das nun? Dürfen wir wohl alle ein bisschen Luther spielen und eine These von uns geben, Hauptsache sie ist interessant? Und ging es Luther wirklich darum, die Welt zu verändern? Mit Sicherheit nicht. Es ging ihm schon um Veränderung, aber um Veränderung des einzelnen Menschen. Um eine Veränderung, die mit dem Wort "Buße" zusammenhängt.
Was ist "Buße"? Meist verstehen wir heute darunter so etwas wie "Wiedergutmachung". Wer zum Beispiel im Straßenverkehr etwa über eine rote Ampel gefahren ist, der muss ein Bußgeld zahlen, bekommt noch Punkte in Flensburg und ist seinen Führerschein für eine gewisse Zeit los. Oder jemand droht: "Das muss er mir büßen!". Damit meint er: Was mir einer Schlimmes zugefügt hat, werde ich ihm heimzahlen.
Buße ist Wiedergutmachung. So verstand das zur Zeit Luthers auch die katholische Kirche, - bis auf den heutigen Tag übrigens. Zur Buße gehören nach katholischer Ansicht drei Dinge: Erstens, dass ich meine Sünden bereue, dass sie mir also leid tun, zweitens, dass ich sie bekenne, am besten bei einem Priester in der Beichte und drittens eben, dass ich sie wieder gut mache, durch Gebete etwa, oder Wallfahrten oder auch durch Geld. Das ist der Ablass.
Luther kam durch die Beschäftigung mit der Bibel zu einer anderen Erkenntnis: Buße heißt seine Sünden bereuen und bekennen. Aber wieder gut machen kannst du sie nicht. Du kannst dich noch so sehr anstrengen, du kannst beten, du kannst fasten, du kannst zu einer besonderen Stätte der Christenheit wandern, dadurch machst du das, was du falsch gemacht hast, nicht wieder gut. Du kannst einen teuren Ablass kaufen. Dadurch wird nur die Kirche reich. Aber das ist keine Wiedergutmachung.
Die Wiedergutmachung ist ja schon geschehen. Jesus starb am Kreuz für deine und meine Sünden. Er machte dort das durch, was eigentlich wir alle verdient hätten, die Gottesferne, das heißt die Hölle. Die Strafe für unsere Sünde ist am Kreuz gewissermaßen abgebüsst. Jesus, der Sohn Gottes, das heißt Gott selber hat sie getragen. Ein für alle mal.
Es gibt Vergebung, ohne Vorbedingung und ohne Folgekosten. Vergebung ist ein Geschenk, das ich mir nur abholen muss. Diese Vergebung gibt es bei ihm, bei Jesus. Und noch viel mehr. Bei ihm gibt es auch Liebe, Frieden, Freundlichkeit, Reinheit, Selbstbeherrschung, all die guten Gaben des Geistes Gottes, die Paulus einmal aufzählt. Wo Jesus ist, da steht Gott im Mittelpunkt, da regiert er, da haben die sündigen und alle anderen finsteren Mächte ausgespielt. Mit einem Satz: Mit ihm ist das Reich Gottes nahe gekommen.
Deshalb ruft Jesus genauso wie sein Vorgänger Johannes der Täufer zur Buße auf. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ So lautet die Zusammenfassung seiner ersten Predigten in Galiläa.
„Tut Buße!“ Davon haben Jesus und die Apostel immer wieder gesprochen. Auch Luther hat davon geredet, dass unser Leben eine ständige Buße sein soll. Immer wieder Buße, ist das wahr? Geht das überhaupt? Macht das nicht depressiv?
Buße ist für einen Christen etwas Lebensnotwendiges. Buße ist so notwendig wie Wasser für Pflanzen. Ohne Buße gehen wir ein, verdorrt und vertrocknet unser geistliches Leben. Buße tun hat ja nichts mit Abbüßen zu tun, mit Wiedergutmachung von Schuld, nichts mit einer zerknirschten Gemütsverfassung wegen seiner Sünden. Buße tun heißt, erkennen, wie weit weg man von Gott ist, heißt, seine Sünden zu bereuen, um Vergebung zu bitten und zu glauben, dass er mir nicht nur vergibt sondern mich auch verändert.
Martin Luther wusste noch um den ursprünglichen Sinn der Buße. Darum sagt er voll Freude: „Jeden Morgen darf der Christ Buße tun, das heißt: Jeden Morgen darf er sich neu Jesus und Gott zuwenden und sein Leben nach ihm ausrichten.“ Gott nagelt uns nicht an unserer Vergangenheit fest, sondern lässt uns immer wieder umkehren und neu anfangen. Er lässt uns immer wieder aufstehen, wenn wir gefallen sind, und vorwärtsgehen. Jeden Morgen dürfen wir uns auf das Bibelwort verlassen: „Die Güte des Herrn ist alle Morgen neu.“ Buße tun ist eine fröhliche Angelegenheit, wenn man sie tut, und nicht nur davon hört.

2. Teil
Es geht heute nicht nur darum, dass wir von der Buße hören sondern sie auch tun.
Ein Kirchenvorsteher hat sich bereit erklärt, für den erkrankten Pfarrer einzuspringen und am Sonntag die Predigt zu halten. Er stieg auf die Kanzel, verliest den Predigttext und fängt mit folgenden Worten an: „Liebe Gemeinde, ich sage euch: Tut Buße!“ Dann folgte ein langes Schweigen, bis der Kirchenvorsteher endlich weiter machte: „Ich sage euch noch einmal: Tut Buße!“ Wieder langes Schweigen, noch länger als vorher. Alles schaute zu ihm hinauf und wartete, bis es weiterging. Da hielt es einer nicht mehr aus und rief zur Kanzel hinauf: „Das haben wir jetzt schon gehört! Mach weiter, Karl!“ Da antwortete der Karl auf der Kanzel: „Jetzt tut ihr das zuerst, dann mach ich weiter!“
Von Buße hören, das ist eine Sache, sie tun, eine andere. Es heißt zum Beispiel wirklich zu jemanden gehen und um Entschuldigung bitten, wirklich einmal eine bestimmte Sünde bekennen, die mich belastet, wirklich es Jesus zutrauen, dass er mich von einer Sucht oder einer Abhängigkeit oder schlechten Gewohnheit frei macht und nicht locker lassen in diesem Vertrauen, bis ich wirklich frei werde.
Sicher kostet es manchmal Überwindung, Buße zu tun. Aber nur wenn ich Buße tue, dann verändert sich mein Leben.
Buße tun erfordert eine oftmals zunächst schmerzhafte Ehrlichkeit. Es ist eine Bereitschaft, sich der Wahrheit zu stellen. "Die Wahrheit wird euch frei machen", sagte Jesus einmal. Trotzdem würden wir sie lieber umgehen. Weil Ehrlichkeit mitunter auch weh tut.
Ja, Ehrlichkeit tut manchmal weh. C.S. Lewis schreibt einmal in seinen "Chroniken von Narnia" von diesem Gefühl. Eustachius, ein kleiner Junge, war sehr eigensinnig, stur und ungläubig. Deshalb verwandelt er sich zu einem großen, hässlichen Drachen. Er möchte sich wieder ändern und ein kleiner Junge werden. Aber er schafft es nicht alleine. Es hilft ihm der große Löwe Aslan. Dieser verkörpert Jesus. Aslan führt ihn zu einem wunderschönen Brunnen. Dort soll Eustachius baden. Aber er kann nicht in den Brunnen steigen. Denn er ist ein Drache.
Aslan befiehlt ihm, sich auszuziehen. Eustachius zieht sich dreimal eine Hautschicht ab. Aber er merkt: Er hat immer noch eine harte, raue, schuppige Schicht um sich. Da begreift er: Er schafft es nicht. Aslan sagt zu ihm: Du musst dich von mir ausziehen lassen.
Eustachius hattet Angst vor den Klauen des Löwen. Aber er wollte unbedingt diese Drachenhaut loswerden. So ließ er es zu, dass Aslan ihm seine hässliche Haut abzog.
Aslan schälte ihn richtiggehend. Es tat Eustachius schlimmer weh, als irgendetwas, das er je gespürt hatte. Dann warf Aslan ihn ins Wasser. Es schmerzte wie nur irgendetwas. Doch nur für einen Moment. Dann wurde es absolut herrlich. Er planschte und schwamm. Der Schmerz war weg. Aus Eustachius war wieder ein Junge geworden. Nach einer Weile holte der Löwe ihn heraus und zog ihm neue wunderschöne Kleider an.
Vielleicht geht es uns ja manchmal ganz ähnlich. Wir sind erschrocken über uns, über unseren Egoismus, unseren Eigensinn, über unsere Sturheit, über unsere hässlichen Gedanken, Worte und Taten. Wir wollten gerne anders sein. Aber wir kommen aus unserem hässlichen Panzer nicht raus. Das Böse umhüllt uns wie eine Drachenhaut.
Was uns hilft, ist Jesus an uns heranzulassen. Er tut es gerne. Ja, er wartet nur darauf, dies tun zu können, um uns zu verändern.
„Buße tun heißt .... umkehren in die offenen Arme Gottes.“ So formuliert Martin Luther im Katechismus. Und weiter heißt es: „Dazu gehört, dass wir die Sünden herzlich erkennen, vor Gott und in gewissen Fällen auch vor Menschen bekennen, bereuen, hassen und lassen und im Glauben an Jesus Christus in einem neuen Leben wandeln."
Das klingt nicht angenehm. Ist es auch nicht. Luther spricht ja davon, dass der "alte Adam", also unser egoistisches Wesen, durch tägliche Reue und Buße ersäuft werden soll. Wer ertrinkt schon gerne?
Aber Buße tut uns gut. Wir sind nicht dafür geschaffen, wie Eustachius uns in einer hässlichen Drachenhaut zu bewegen. Sondern Jesus will uns wie Aslan, der Löwe, mit seinem Wesen gewissermaßen anziehen, mit seiner Liebe, seiner Güte, seiner Freundlichkeit, seiner Freude und seinem Frieden.
Wenn wir Buße tun, begegnen wir einem liebenden Gott, da begegnen wir Jesus. Er stößt uns nicht weg, wenn wir mit dem Bekenntnis unserer Schuld zu ihm kommen. Nie. Auch wenn wir ihm immer wieder die gleiche Sünde bekennen müssen, auch wenn wir uns vorwerfen müssen: Wir sind doch viel zu träge, was den Kampf gegen die Sünde anbelangt, eigentlich haben wie sie viel zu lieb, als dass wir sie lassen wollen. Er, Jesus, liebt uns trotzdem, ja noch viel mehr. Er hört nicht auf, um uns immer neu zur Buße zu bewegen. Und er hört auch nicht auf, um uns immer neuen Mut zum Glauben zu machen.
Warum sollten wir dann aufgeben, wenn er nicht aufgibt? Es gibt gar keinen Grund dazu. Er, Jesus wird die alte, hässliche Drachenhaut uns ausziehen und seine Liebe anziehen. Auch wenn wir denken, das ist nicht möglich. Ihm ist nichts unmöglich.
Du darfst immer wieder Buße tun, das heißt immer wieder zu Jesus umkehren. Und wenn du das tust, dann kehrst du zu einer großen Liebe um. Du darfst immer wieder neu anfangen und ein unverbrauchtes, reines Leben führen.
Wir dürfen jeden Tag neu anfangen. Darum geht es am Buß- und Bettag. Darum geht es auch in den 95 Thesen Martin Luthers.

 

Amen

© 2017 Dieter Opitz