"Der Gott der zweiten Geigen" - Kreuz & Quer vom 18.04.2019, Markus 10,35-45

Irgendwie kennen wir das alle: Da gibt es die Bewunderer, die Loser, die keiner beachtet, und die, die im Mittelpunkt stehen. Und manchmal können aus denen, die Loser sind, die werden, die vorne dran stehen. Zumindest bei Jesus ist das so. So lesen wir es in folgender Geschichte: (Markus 10,35-45 vorlesen)

Liebe Gemeinde!

Irgendwie sind diese beiden Jünger, Johannes und Jakobus, schon sehr dreist. Sie kommen zu Jesus und bitten ihn um Erfüllung ihres Wunsches. Wohlgemerkt ohne ihn zu nennen! Das ist so, wie wenn ein kleiner Junge zu seinem Papa geht und zu ihm sagt: "Papa, versprichst du mir was?" "Ja, was denn?" "Na, dass ich bekomme, was ich mir wünsche?" "Ja, was wünscht du dir denn?" "Versprich mir zuerst…"

So verhalten sich Jakobus und Johannes - wie die kleinen Kinder. Schließlich rücken sie mit ihrem Wunsch heraus. Sie möchten im Himmel links und rechts neben Jesus sitzen, die besten Plätze in der himmlischen VIP-Lounge sozusagen. Die anderen Jünger bekamen den Wunsch der beiden nach einem Sonderposten in der Ewigkeit mit. Sie sind empört: "Was soll das? Wollen die was Besseres sein?"

Man hat den Eindruck: Bei den Jüngern ging es auch nicht anders zu, wie in den meisten Gruppen, Klassen. Betrieben oder Vereinen. Da gibt es solche, die wollen beim Chef Vergünstigungen, wollen vorne dran stehen, die besten Posten ergattern. Und das ruft den Unmut und den Neid der anderen hervor.

Auch die Jünger wollten vorne dran stehen, wenn nicht im Diesseits so doch wenigstens einmal im Himmel. Johannes und Jakobus trauten sich, diesen Wunsch offen auszusprechen. Aber die anderen Jünger solche Ehrenplätze im Himmel auch ganz gerne. Ehrgeiz gibt es auch auf frommem Gebiet. Dort kann er sehr abstoßend wirken.

Theologieprofessor Thielicke erzählt einmal von einer Krankenschwester. Sie pflegte ihn ausgezeichnet. Eine bewundernswerte Frau, so dachte er. Doch seine Bewunderung verflog mit einem Schlage, als sie ihm einmal erklärte: "Ich übernehme seit 20 Jahren nur Nachtschichten. Denn jede durchwachte Nacht ergibt einen Edelstein in meiner himmlischen Krone. Und jetzt habe ich schon 7155 beieinander." Der Kranke konnte ihr ihre Liebe nicht mehr abnehmen. Er war für sie ja nur Mittel zum Zweck.

Das Streben nach Anerkennung kann bei anderen oft sehr seltsam, lächerlich oder gar abstoßend wirken. Aber natürlich ist es so: Ohne Anerkennung können wir nicht leben. Wir brauchen sie.

Kinder brauchen die Anerkennung ihrer Eltern. Sie hungern nach einem Lob von Vater oder Mutter. Und es ist schlimm, wenn sie das nicht bekommen. Es kann weh tun, wenn ein Lehrer bestimmte Schüler bevorzugt. Eine Frau erinnert sich an ihre Schulzeit: Wenn der Lehrer an ihre Bank kam, gab er sich immer mit ihrer coolen Nachbarin ab, nie mit ihr. Das war natürlich nicht sehr schön. Das tat ihr weh. In einem Teenagerfilm wird das schwere Los der Freundin der Allercoolsten in der Klasse geschildert. Hinter ihrem Rücken wird sie wenig schmeichelhaft "Duff" genannt, designated ugly fat friend, also "eine ausgewiesen hässliche, dicke Freundin". Klar, in dem Film geht alles gut aus. Aber in der Realität ist es selten so, dass ein Mauerblümchen auf einmal der Star wird.

Wir brauchen Anerkennung. Und tun alles Mögliche, um sie zu bekommen. Wir streben nach Erfolg in der Schule oder im Beruf. Jugendliche verhalten sich so, dass sie auffallen, durch Kleidung, Haarfarbe, coole Sprüche oder lustige Sprüche. Ängstliche Typen suchen Anerkennung durch angepasstes Verhalten. Sie wollen vermeiden, anzuecken, sich lächerlich zu machen, unangenehm aufzufallen. Aber auf diese Weise übersieht man sie häufig und kriegen doch nicht die Anerkennung, nach der sie sich sehnen. Höchstens Mami und Papi loben ihre braven Kinder. Dabei würden sie oft liebend gern mehr auffallen und trauen sich nur nicht.

Wir tun oft unendlich viel, um Anerkennung zu bekommen. Da kaufen wir zum Beispiel Dinge, die wir gar nicht brauchen, mit Geld, das wir gar nicht haben, um Leuten zu imponieren, die wir gar nicht mögen. Sehr seltsam und sehr anstrengend!

Doch was ist nun, wenn man die Anerkennung, nach der man gestrebt hat, nicht bekommt oder wieder verliert? Wenn einen die Clique links liegen lässt, wenn der Chef einen nicht schätzt, Kinder nicht die Anerkennung ihrer Eltern bekommen und umgedreht Eltern nicht oder nicht mehr die Liebe von ihren halbwüchsigen oder erwachsenen Kindern?

Das tut weh, klar. Die Sehnsucht nach dauerhafter, bedingungsloser Anerkennung wird oftmals enttäuscht. Aber einer enttäuscht diese Sehnsucht nicht. Das ist Jesus.

Der schätzt dich auch nach Abzug deiner Stärken. Der steht zu dir, auch wenn du entlassen bist, dein Partner dich verlassen hat, durch Prüfungen gefallen bist oder das Klassenziel nicht erreicht hast. Der mag dich, auch wenn er hinter deiner netten Fassade einen manchmal sehr unangenehmen Menschen entdeckt. Der nimmt dich an, so wie du bist, einfach als Mensch und nicht als Träger von bestimmten Eigenschaften oder Funktionen.

Bei ihm musst du keine Rolle spielen. Sondern du darfst dich bei ihm so geben, wie du bist. Er weist dir auch den Platz zu, den du in deinem Leben einnehmen kannst. Du bist bei ihm nie an erster Stelle. Die ist Jesus selbst vorbehalten. Er ist immer die Nummer Eins, und du bist die Nummer Zwei. Der Zweitbeste und nicht der Beste zu sein? Das klingt vielleicht nicht sehr attraktiv. Aber der zweite Platz ist der für dich angemessene.

Leonard Bernstein, der berühmte Orchesterdirigent, trat einmal im Fernsehen auf. Bei einer zwanglosen Diskussion im Programm fragte ein Verehrer: „Herr Bernstein, welches ist das schwierigste Instrument?“ Geistesgegenwärtig antwortete er: „Die zweite Geige. Ich kann viele erste Geiger bekommen, aber einen zu finden, der mit gleicher Begeisterung die zweite Geige, das zweite Französischhorn oder die zweite Flöte spielt, ist wirklich ein Problem. Und dennoch, wenn niemand die zweite Geige spielt, haben wir keine Harmonie.“

Auch für Gott ist es schwierig, zweite Geigen zu finden, vielleicht sogar noch schwieriger, als für einen Orchesterdirigenten. Denn Gott vergibt keine ersten Geigen. Die erste Geige hat er sich selbst vorbehalten. Er will immer und unbedingt die Nummer eins in einem Leben sein. Wir können bei ihm nur die zweite Geige spielen.

Für Gott ist es schwer, zweite Geigen zu finden. Und für uns ist es schwer, zweite Geigen zu sein. Wir sollen lieben, so sagt es Jesus in klaren Worten. Aber wir liebnen doch vor allen Dingen uns, oder?

Wir hören das Lied "Klare Worte".

2. Teil


Das will Jesus auch den beiden Jüngern klar machen. Deshalb sagt er: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein." Macht und Einfluss haben, das wollen viele, auch in frommen Kreisen. Aber wer will auch dienen?

Das Wort "dienen" klingt ja nicht besonders modern und war es wohl auch nie. Wer will schon dienen? Dienen heißt ja, keine Herrscherposition einzunehmen, sein Ich und seine Ansprüche zurückstellen, die Wünsche oder Befehle anderer befolgen. Moderner ist doch sich selbst zu verwirklichen, sich zu nehmen, was einem gefällt, auch wenn der andere darunter leidet. Moderner ist, sich bedienen zu lassen als zu dienen.

Klar: Das Einfordern von Gehorsam kann auch missbraucht werden. Menschen werden von solchen, die das Sagen und die Macht haben, manipuliert, ausgenutzt, ausgebeutet, missbraucht. Das passiert überall, leider auch in frommen Kreisen.

Doch was wäre das für eine Welt, in der keiner mehr dem anderen dienen würde? Es gäbe dann zum Beispiel keine Krankenschwestern und keine Altenpfleger mehr. Es gäbe keine funktionierenden Ehen mehr, sondern nur noch den Kampf ums letzte Wort, ums Rechthaben, nur noch die Suche danach vom Ehepartner verstanden zu werden und nicht die Suche danach zu verstehen. Dann gäbe es in den Gemeinden nur noch Leute, die so schnell beleidigt sind, die nach Ehre und Anerkennung suchen. Es gäbe nur noch Ichmenschen, die ihre Ellenbogen ausfahren und andere zur Seite stoßen. Wer will schon so eine Welt?

Jesus auf jeden Fall nicht. Er wollte dienen anstatt bedient werden, geben anstatt nehmen, lieben anstatt geliebt werden. Er gab sogar sein Leben hin, damit wir in Ewigkeit bei Gott leben können. Das ist ja der tiefste Sinn seines Sterbens am Kreuz. Jesus stirbt den Tod, den wir im Gericht des heiligen Gottes eigentlich verdient haben. Das ist das Geheimnis des Kreuzestodes von Jesus: Er starb für unsere Sünde.

Vielleicht kennen viele von euch schon die Geschichte von Bagamoyo. Ich möchte sie trotzdem erzählen: Bagamoyo heißt ein Hafen an der Ostküste Afrikas. Der Name bedeutet "Wirf dein Herz weg!" oder "Lass deinen Mut fallen!" An diesem Hafen wurden früher die Sklaven auf Schiffe verladen. Von dort gab es kein Entrinnen mehr. Wer an diesem Hafen angelangt war, der musste die Hoffnung aufgeben.

Doch gerade an diesem furchtbaren Ort der Hoffnungslosigkeit ließen sich Missionare nieder. Sie wollten einige Sklaven loskaufen. Den Sklavenhändlern bezahlten sie einen hohen Preis und ließen die Sklaven dann frei. Zuvor versuchten sie, ihnen etwas zu erklären: "Für deine Freiheit haben wir Gold bezahlt. Aber für die Freiheit deiner Seele reicht kein Gold oder Silber aus. Dafür war ein Preis zu zahlen, der viel kostbarer ist. Dafür musste jemand sein Leben lassen. Das war Jesus, der Sohn Gottes. Der starb an einem Kreuz für dich."

Dieser anschauliche Vergleich machte bei vielen einen tiefen Eindruck. So entstand in Bagamoyo eine der ersten christlichen Gemeinden Ostafrikas.

Jesus hat für dich einen unvorstellbaren Preis bezahlt, damit du von der Macht der Sünde frei wirst. Es war sein eigenes Leben geopfert. Wenn einer das tut, dann muss dessen Liebe schon groß sein. Es ist tatsächlich eine unvorstellbar große Liebe, die Jesus am Kreuz sterben ließ.

Das ist wirklich wahr und erfahrbar: Du kannst diese Liebe Jesu persönlich erfahren. Du kannst mit Gott in eine ganz persönliche Beziehung treten, durch Jesus. Dann bist du nicht irgendjemand, irgendeine Nummer im Massenbetrieb der Menschheit, jemand, der nicht nur von Menschen anerkannt ist wegen deiner Leistungen oder Fähigkeiten, sondern jemand, der zu Gott gehört. Wenn du an Jesus glaubst, dann stehst du zu Gott in einer ganz besonderen Beziehung. Die Bibel drückt es so aus: Dann bist du ein Kind Gottes.

Diese Liebe ist erfahrbar. Manche sind zu einem Seelsorger gegangen, der ihnen die Vergebung ihrer Sünden zugesprochen hat. Es wurden ihnen leicht dabei. Sie haben die Liebe Gottes erfahren. Aber es kommt nicht auf die Gefühle an, die du hast. Sondern das Entscheidende ist der Glaube. Du darfst glauben, dass dir deinen Sünden vergeben sind und dass Jesus dich liebt, auch wenn du dabei nichts fühlst.

Dieser Gottesdienst ist auch so ein Ort, wo du die Liebe Jesu erfahren kannst, ganz neu oder zum wiederholten Male. Auch heute Nachmittag / Abend bekommst du sie. Bei der Beichte bekommst du die Vergebung deiner Sünden zugesprochen. Beim Abendmahl heißt es in den Einsetzungsworten: "Nimm und iss!" und "Nimm und trink!" Wenn du die Hostie isst und den Wein trinkst, nimmst du die Jesus und seine Liebe in dein Leben auf.

Es ist eine Liebe, die nicht nur für uns gilt, sondern die wir weitergeben können, an unsere Eltern, Geschwister, Ehepartner, Kinder, Freunde, Nachbarn, Kollegen oder Bekannte. Es müssen nicht große Dinge sein, es reichen die kleinen Gesten der Freundlichkeit im Alltag. Wie den Nachbarn freundlich grüßen, auch wenn das Verhältnis zu ihm nicht das allerbeste ist, oder dem Ehepartner oder der Freundin zuliebe auf etwas verzichten oder in einem Familienstreit auf sein Recht verzichten.

Das ist kein Verhalten, das mit Unterwürfigkeit und mangelnden Durchsetzungsvermögen verwechselt werden darf. Die Liebe und die Dienstbereitschaft, von der Jesus hier spricht, geschieht von einer Position der Stärke heraus. Die erfahrene Liebe Jesu baut auf und macht stark - zum Dienen.

Dienen - es ist nicht die Frage, ob wir das können. Wir können es nicht, zumindest von Herzen nicht. Es geht uns gegen den Strich. Aber es stellt sich für jeden die Frage, ob er es will. Ob er eine Sehnsucht danach hat, ein Leben zu führen, das für andere da, so wie Jesus es führte, weil nur so ein Leben sinnvoll ist. Und es ist die Frage, ob wir dann Jesus darum bitten: "Ich brauche zunächst deinen Dienst an mir. Ich brauche deine Vergebung. Ich brauche deine Liebe. Ich brauche deinen Geist und deine Kraft. Sonst kann ich das nicht tun, was du von mir willst."

Wer Jesus um diese Gaben bittet, der kriegt sie auch. Denn das ist sein Wesen, das tut er liebend gern: anderen dienen und ihnen das geben, was sie für ihren Dienst brauchen. Er will uns ja nicht überfordern oder ausbeuten sondern das geben, was wir brauchen, was anderen gut tut und letztlich auch uns gut tut.

Amen

© 2019 Dieter Opitz