"Du hast uns grade noch gefehlt" - Kreuz & Quer vom 21.07.2019, Matthäus 9,35-38

Liebe Gemeinde!

"WWJD" Kennt jemand diese Abkürzung? Sie bedeutet "What would Jesus do", also "Was würde Jesus tun?" Vielleicht habt ihr von dieser Bewegung gehört, die aus Amerika zu uns nach Deutschland kam. Die Initiatoren dieser Bewegung meinen: In allen Lebenslagen soll man sich diese Frage vorlegen. Und wer auch dann dementsprechend handelt, dessen ganzes Leben verändert sich. An dieser Aussage ist ja durchaus etwas Wahres dran.

Nächste Abkürzung: "WWJS" Die habe ich mir selber ausgedacht, - hab ich gedacht. Bis ich sie im Internet entdeckte. Sie heißt "Was würde Jesus sehen?"

Was würde er sehen, wenn er dich anschaut? Stelle dir das mal vor! Ich bin mir sicher: Er als der Sohn Gottes, als der Lebendige und Auferstandene, ist auch hier in diesem Gottesdienst. Und steht gewissermaßen vor Jedem von uns und schaut ihn an. Was würde er sehen? Er schaut auf jeden Fall tiefer, sieht nicht nur unser Äußeres, unsere Fassade, unser Pokerface, unser aufgesetztes Lächeln, unsere zur Schau getragene Lässigkeit.

Er sieht unsere Ängste und Sorge, unsere kranke Seele, unsere Überheblichkeit, unseren Egoismus, unsere Lieblosigkeit. Er sieht das, was wir am liebsten verstecken, weil wir uns deshalb schämen, auch unsere Hassgedanken anderen und uns selbst gegenüber, auch unsere sexuelle Gier mit all ihren Perversionen.

Das alles und noch viel mehr sieht er. Es ist zum Erschrecken. Aber er sieht noch mehr. Er sieht keinen Menschen, mit dem er nichts anfangen kann, bei dem Hopfen und Malz verloren ist. Ganz im Gegenteil. Seine Sichtweise wird vielmehr von "G.O.L.F" bestimmt, einer weiteren Abkürzung. "God offers love and vorgiveness". Gott schenkt Liebe und Vergebung.

Vor 2000 Jahren stand Jesus vor einer Menschenmenge. Wen wird er da alles gesehen haben! Blinde, Aussätzige, Bettler, Prostituierte, Ungebildete, die weder lesen noch schreiben konnten, abgearbeitete Bauern, Menschen, die in Aberglauben verstrickt waren, Ehebrecher, Betrüger. Aber er verurteilt und verachtet sie nicht. Er hat vielmehr großes Mitleid mit ihnen. Er sah, dass sie hilflos und verängstigt waren, ohne Ziel und ohne Hoffnung. Sie waren wie Schafe ohne ihren Hirten, steht hier in der Bibel.

Und heute würde er ähnliches sehen: Menschen, denen es zwar äußerlich viel, viel besser geht als denen vor 2000 Jahren, die gebildeter sind, die weniger hart arbeiten müssen, die körperlich gesünder sind. Aber die trotzdem krank sind - in ihrer Seele. Denen es oft an Trost, Zuversicht, Glaube, Liebe, Hoffnung fehlt.

Jesus schaut auf uns nicht von oben herab. Er richtet und verdammt nicht, sondern er schaut uns mit Liebe an. Und er empfindet tiefes Mitleid, heißt es hier. Martin Luther dichtete: "Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen..." Er erbarmt sich über jeden, der im Dreck und Elend seines Lebens zu versinken droht. Er verachtet auch dich nicht im Dreck und Elend deines Lebens. Vielmehr denkt er: Du hast mir gerade noch gefehlt. Er will gerade dir seine Vergebung und Liebe schenken. Er steht dir nicht gleichgültig gegenüber. Sondern er sehnt sich nach dir. Er kann sich nicht vorstellen, die Ewigkeit ohne dich zu verbringen.

Diese Aussage gilt nun nicht nur für dich. Sie gilt auch für alle anderen Menschen. Auch sie fehlen ihm, auch und gerade die, die weit weg von ihm sind. Auch die Unmöglichen, auch die ganz Bösen, die von Gott anscheinend nichts wissen wollen. Er sieht die Menschen, die sich hinter all dem oft nur verstecken: Menschen ohne Ziel und Hoffnung.

Und er sieht noch mehr. Sein Blick bleibt nicht an dem hängen, was er an Elend und Hilfsbedürftigkeit sieht. Er sieht weiter. Sein Blick ist voller Hoffnung. Er sieht nicht ein Stoppelfeld vor sich, kein Feld, das verwüstet ist, sondern ein Feld, das reif ist zur Ernte. Er sieht keine hoffnungslosen Fälle sondern lauter Menschen, denen ja geholfen werden kann!

Von diesem Blick können wir lernen. Wenn Christen über unsere Kirche und unser Volk nachdenken, dann tun wir es häufig mit einem Achselzucken, resignierend. Wir sehen die vielen leeren Kirchen in unserem Land und meinen: "Ach, wenn sie doch voller wären! Aber die Botschaft von Jesus interessiert doch kaum einen mehr." Wir sehen vielleicht die vielen Menschen, die hier in der Neuen Heimat wohnen und die kein Interesse am Gottesdienst zeigen und sagen: "Ach, wenn sie doch auch hier sein würden!" Und halten es doch nicht für möglich, dass dies auch geschieht!

Was würde Jesus sehen? Nicht ein großes Defizit sondern ein großes Potential! "Die Ernte ist groß", sagt er. Er sieht schon die vielen Menschen, die durch die Verkündigung der Apostel zum Glauben kommen, allein 3000 an einem Tag, an Pfingsten in Jerusalem.

Diesen Blick Jesu hatte auch ein Missionar wie Nommensen. Er wirkte auf der Insel Sumatra unter den heidnischen Bataks. Das Land am Tobasee war das Zentrum des Heidentums. Die Bewohner dort schienen besonders unempfänglich für die Botschaft des Evangeliums. Und doch sah Nommensen schon etwas anderes. Er sagte: "Du Land am See, ich höre überall die Glocken klingen über dir, sehe die Scharen deiner Bewohner deine Schulen und Kirchen füllen, schaue Gärten auf deinen jetzt kahlen Höhen, üppige Wälder, geordnete Christendörfer ohne Zahl, bataksche Lehrer und Prediger auf deinen Kathedern und Kanzeln! Noch stemmst du dich trotzig gegen den König Jesus; aber wie der Ozean zum Strande drängt unhemmbar und unaufhaltsam, so wird das Wort des Ewigen zu dir drängen unhemmbar und unaufhaltsam."

"Die Ernte ist groß!" So sah es auch ein Nommensen. Es ist nicht unsere Aufgabe über den jämmerlichen Zustand unserer Kirche und unseres Volkes zu jammern, sondern zu glauben, daß dieses Wort heute noch gilt. "Die Ernte ist groß!" Er kann Menschen zum Glauben führen, kann auch in unserer Stadt ein großes Volk von Glaubenden sammeln, und hat es ja schon getan und kann es noch weiterhin tun! Er kann Großes tun, auch an uns. Aber zutrauen müssen wir es ihm, denn der Unglaube bindet Gott die Hände.

Gottes Sache ist ja keine jämmerliche, erbärmliche Sache, sondern eine große und wunderbare. Es geht ja um das Reich Gottes, das gebaut werden soll, ein ewiges und unvergängliches Reich. Dazu sind alle Menschen eingeladen. In ein Reich, in dem der Teufel und die Sünde ausgespielt haben. Jesus spricht hier von Krankenheilungen, von Befreiung von unguten Zwängen, von Sündenvergebung. Dazu hat er die Jünger ausgesandt, um dieses Reich Gottes bauen zu lassen. Und sie konnten es auch tun! Sollte heute nicht Ähnliches auch möglich sein? Ich denke schon. Es geschieht nur deshalb nicht oder viel zu wenig, weil wir es ihm nicht zutrauen.

Auch heute noch soll dieses unvergängliche Reich Gottes gebaut werden. Dafür dürfen auch wir uns einsetzen! Auch du, gerade du. Hier in dieser Kirchengemeinde wird auch Reich Gottes gebaut. Es arbeiten hier ja schon viele mit. Aber es gibt noch viel zu tun. Die Ernte ist groß. Deshalb sage ich jetzt: "Du hast uns gerade noch gefehlt!"


2. Teil


Auch ich? Kann nun einer zweifelnd fragen. Wer bin ich denn? Ich bin doch kein besonderer Mensch! Was will Gott mit mir schon anfangen?

Das ist nicht das Entscheidende, ob wir besondere Menschen sind. Gott sucht sich oft gerade nicht besonders hervorragende Menschen heraus, oft nicht die klügsten, gebildetsten und einflussreichsten. Unter den Aposteln fanden sich nicht die Größen seiner Zeit sondern unbekannte Fischer und Handwerker. Sogar ein Zöllner wie Matthäus, d. h. ein ehemaliger Betrüger, war mit dabei.

Oder denken wir an den oben erwähnten Nommensen. Er war Bauer aus Nordschleswig. Die Missionsschule, bei der er aufgenommen wrden wollte, wies ihn zunächst ab. Mit einem Mann mit so geringen Vorkenntnissen, so dachte man dort, kann man in der Missionsarbeit nichts anfangen. Nur seiner Hartnäckigkeit verdankte es Nommensen, dass er schließlich doch in die Missionsschule aufgenommen wurde. Doch Gott segnete gerade diesen Mann ganz besonders. Unter seiner Verkündigung bekehrten sich 180000 Bataks zum christlichen Glauben.

So handelt Gott immer. Unbedeutende, ja oft verachtete Menschen erwählt sich Gott als seine Mitarbeiter. Warum? Damit niemand sagen kann, den Erfolg, den Segen, habe ich mir, meiner eigenen Tüchtigkeit zu verdanken. Er will ja alles schenken: seine Gaben, Mittel, Wege, Ideen, Worte. Wer sich von Gott nicht beschenken lassen will, mit dem kann er auch nichts anfangen.

Ich brauche nur das an andere weitergeben, was Gott mir geschenkt hat und kann auch nichts anderes weitergeben. Ich muss selber erst gerettet sein, um andere retten zu können, muss selber getröstet sein, um andere trösten zu können. Ich muss selber am Ufer sein, um einen anderen aus dem Wasser herausziehen zu können. Ich muss selber am eigenen Leibe gespürt haben, welche Mühe sich Gott gemacht hat, um mich zu sich zu ziehen, um mich nun für ihn einsetzen zu können.

Wer weiß, dass er ein Kind Gottes ist, den hat Gott beschenkt mit seiner Liebe, Vergebung, Hilfe und auch mit Gaben. Die kann er nun auch einsetzen. Dies heißt nicht, dass dies immer sehr leicht wäre. Erntearbeit ist Knochenarbeit.

Ich weiß selber, welch schwere Arbeit es ist, bei der Ernte mitzuhelfen. In meiner Kindheit verbrachte ich oft meine Ferien bei Verwandten auf dem Bauernhof. Natürlich musste man da auch ab und zu hinlangen. Eines Tages wurde ein riesiges Feld abgeerntet. Einen Mähdrescher hatte mein Onkel nicht, nur einen Mähbinder. Wir Kinder mussten die einzelnen Garben, die der Mähbinder ausspuckte, zu großen Haufen zusammenstellen. Ich habe damals gedacht, wir werden nie damit fertig. Aber wir haben es doch geschafft. Allerdings schmerzten am Abend die Glieder, der Rücken tat weh, wir waren müde und schmutzig.

Jesus vergleicht hier die Arbeit für ihn und sein Reich mit so einem Ernteeinsatz. Es ist eine oft mühselige, unscheinbare Arbeit. Vielleicht denkt jetzt einer: Ganz verstehe ich das nicht. So ein Pfarrer z. B. hat's doch schön: Jeden Sonntag Gottes Wort verkündigen, die Leute hören einem zu und achten einen. Aber wenn er wüsste, was sonst noch an einem Pfarrersdasein hängt, wieviel Mühen, die man nicht sieht und auch wieviel Enttäuschung, würde er wohl nicht mehr so denken.

Groß dastehen wollen, ist sicher eine große Versuchung für einen, der im Reich Gottes mitarbeitet und noch dazu vorne dran steht. Doch solche Menschen kann Gott nicht gebrauchen. Er braucht Erntearbeiter, Leute, die sich für Gott einsetzen und denen es nicht um die eigene Ehre geht. "Wenige sind der Arbeiter" sagt Jesus hier. Wenige, die so eingestellt sind, wie ich es oben beschrieben habe, denen es allein um Jesus geht und nicht um sich selbst. Viel mehr solcher Leute bräuchte es, nicht nur auf den Kanzeln sondern auch in der Gemeindearbeit, an Gruppenleitern, an Menschen, die treu zu den Gottesdiensten und anderen Gemeindeveranstaltungen einladen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen in Tat und Wort und auch für sie beten.

Beten, das kann jeder, wirklich intensiv und regelmäßig für andere beten. Beten für die, die vornedran stehen müssen, für Menschen in Not, für seine Stadt, für sein Land, für seine Gemeinde, für seine Kirche. Beten, das ist eine unscheinbare, geringe und harte Arbeit, aber eine sehr wichtige, vielleicht die wichtigste im Reich Gottes.

Beten ist nämlich auch ein Kampf gegen die Vergesslichkeit, gegen die eigene Faulheit. Man muss sich Zeit nehmen fürs Gebet und vielleicht auch, wie es manche machen, ein Notizbuch führen, damit man nichts vergisst, wofür man beten will und soll. Und auch nicht so schnell aufgeben, wenn das Gebet nicht so schnell erhört wird. Merkt euch in diesem Zusammenhang die letzte Abkürzung "P.U.S.H", "Pray until something happens", das heißt bete, bis etwas passiert. Gib nicht vorher auf.

Ich möchte meinen Dienst als Pfarrer nicht tun, wenn ich nicht wüsste, dass es welche gibt, die für mich beten. Ich bin mir sicher, einige, vielleicht sogar viele, tun dies in treuer Regelmäßigkeit. Es hat mir einmal sehr geholfen, als jemand zu mir sagte: "Ich bete für dich jeden Tag!" Jesus nennt hier ein ganz wichtiges Gebet. "Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende." sagt er hier. An dieses Gebet denken bestimmt wenige. Wir klagen lieber darüber, dass es in der Gemeinde, in der Kirche, in dem Kreis, den man besucht, nicht so gut läuft. Sollten wir nicht lieber über unser mangelhaftes Gebet klagen? Wir können und sollen doch Gott darum bitten, dass er tüchtige Pfarrer in unsere Kirche sendet, tüchtige Missionare und Evangelisten und Gruppenleiter und viele andere Mitarbeiter, die den unscheinbaren Dienst in einer Gemeinde tun wollen., z. B. auch für Leute, die bereit sind, andere zu besuchen. Da bräuchten wir in unserer Gemeinde noch einige! Oder dass welche singen, mittwochs in den Krankenhäusern in Bayreuth, wie das manche, die hier sind, tun. Oder dass sie sich bei unserem Jugendgottesdienst engagieren.

Wenn Gott Menschen in seine Ernte sendet und sie an der richtige Stelle sind, dann gibt es für das, was sie ausrichten können, fast keine Grenze. Denken wir an solche Menschen wie Martin Luther, Friedrich Bodelschwingh oder den Chinamissionar Hudson Taylor. Für solche Leute gilt der Satz: "Nichts soll euch unmöglich sein!" Gott sendet solche Menschen, wenn wir ihn darum bitten!

Und denken wir auch an uns. Auch für uns können und sollen wir uns immer wieder fragen: Wo willst du mich, Herr, gebrauchen? Und dann auch bereit sein, auf seine Antwort zu hören!

In einem Leben mit Jesus geht es um ein Ja-Sagen, nicht um ein „Ja-Aber“ oder um ein „Jein“.

Die kürzeste Biographie steht auf einem Grabstein irgendwo in England: „Yes, Lord." Also Ja, Herr,

Gott hat viele Fragen an uns, wie „Hast du mich lieb?“ oder „Willst du mir nachfolgen?“ oder “Willst du mir gehorsam sein?“ Die beste Antwort lautet: Ja, Herr. Sie mag uns manchmal schwer fallen. Aber sie tut uns letzten Endes immer gut.

Ich kenne Menschen, die haben das so gemacht: Sie haben gebetet, dass Jesus ihnen klar macht, wo er sie braucht. Und es wurde ihnen klar, oft auf einfache Art und Weise, dass sie für einen bestimmten Dienst gefragt wurden. Und sie haben "Ja" gesagt, oft mit bangem Herzen. Aber es war gut so. Und es hat ihnen gut getan. Dein "Ja" wird auch dir gut tun.


Amen

C.I. A. Christians in Action

© 2019 Dieter Opitz